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Quelle: DIE NORDDEUTSCHE vom 10.05.2007 |
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Ein irisches Häftlingsschicksal in Farge |
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Harry Callan war von 1943 bis 1945 im Gestapo-Lager interniert / Ex-Zwangsarbeiter besucht Stätte seines Leidens |
Von unserer Mitarbeiterin
Gabriela Keller
FARGE. "Es fällt mir heute noch schwer, darüber zu reden." 56 Jahre
schwieg Harry Callan. Niemandem, nicht mal seiner Frau, konnte der heute
84jährige Ire von der leidvollsten Zeit seines Lebens erzählen. Erst seit sechs
Jahren rückt der Ex-Seemann mit seiner Geschichte heraus. Es ist eines von 32
kaum bekannten Schicksalen irischer Seeleute, die im Zweiten Weltkrieg als
Angehörige der britischen Handelsmarine im Gestapo-Lager Farge interniert waren.
Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Denkort Bunker Valentin" im Bremer
Rathaus ist Harry Callan gestern an jene Stätte zurückgekehrt, die für ihn über
zwei Jahre lang ein Ort des Leids und der Angst war. Vom 6. Februar 1943 bis
April 1945 war der in Derry gebürtige Ire, der heute in Dublin lebt, in Farge
inhaftiert. "Wir irischen Gefangenen waren die Gruppe, die am längsten dort war.
Die meisten blieben durchschnittlich zwei bis drei Wochen im Lager." Callan war
der jüngste der kleinen Gruppe ziviler Gefangener. Als 17-Jähriger fiel er der
Deutschen Kriegsmarine am 29. Januar 1941 in die Hände. Er war Hilfskoch an Bord
des britischen Fracht- und Passagierschiffes "Afric Star". "Wir waren gerade im
Südatlantik auf dem Weg zu den Kapverden, um Öl zu bunkern", erzählt er. Ein
deutscher Hilfskreuzer griff das Schiff an, nahm die 72köpfige Crew und sieben
Passagiere gefangen. Über Bordeaux und Bremervörde kam Callan im Juli 1941 in
das Lager Sandbostel und im Februar 1942 in das Marineinternierungslager in
Westertimke. Anfangs habe man sich als Angehörige der britischen Handelsmarine
noch relativ frei bewegen können, erinnert sich der Ire. "Wir durften Bremen und
Hamburg besuchen. In britischer Uniform spazierten wir frei umher." Für diese
Freiheit verlangten die Nazis eine Gegenleistung: "Wir sollten unterschreiben,
dass wir freiwillig für die Deutschen arbeiten wollten." Callan und andere
weigerten sich - und kamen ins Lager nach Farge. "The holiday was over." Ende
der Ferien. Der 84-Jährige kann heute mit Galgenhumor darüber sprechen. Vor 64
Jahren im Lager aber "lernte ich die Angst kennen." Nicht einmal beim Angriff
auf das Schiff habe er soviel Furcht gespürt wie in den Jahren in Farge. "Wir
wußten nicht, was der nächste Tag bringen würde. Es gab nur die Hoffnung, dass
einige von uns herauskommen würden." Ein Jahr arbeitete er auf der
Bunkerbaustelle an den Fundamenten für das Betonmonstrum. "Mit Händen und Spaten
mussten wir zu zweit Grassoden aufnehmen, verlegten Schienen für Loren." Mit den
Soden habe man einen Deich gebaut. Dann wurde Callan krank. Er hatte Glück: Der
Lagerarzt verschaffte ihm Arbeit in seinem Haus und Garten in Farge, auch in
Neuenkirchen hielt er einen Garten in Ordnung. Die Bedingungen im Lager und auf
der Baustelle beschreibt Callan so: "Wir wurden wie Vieh behandelt." Vier Uhr
morgens Wecken, um fünf Uhr ging es zu Fuß über die Lagerstraße zum Bunker. "Dort
mussten wir zwölf Stunden von morgens sechs bis abends sechs Uhr arbeiten, sechs
Tage in der Woche. Sonntags arbeiteten wir auf Höfen in der Umgebung." Die
magere Ration für den Tag: eine Tasse Suppe morgens, zwei Scheiben Brot mittags
und eine Tasse Suppe abends. Unterernährung, Krankheiten und Misshandlungen
forderten ihren Tribut: Fünf irische Mithäftlinge starben im Lager. Zum Gedenken
an sie legte Callan am Mahnmal vor dem Bunker Mohnkränze und Holzkreuze nieder.
Der junge Callan überlebte Tuberkulose und Schläge der Kapos. Im April 1945
wurde er im Lager in Westertimke von der britischen Armee befreit. Erst 60 Jahre
später war der Ire in der Lage, die ehemalige Lagerstätte und den Bunker
erstmals zu besuchen, im Rahmen einer Gedenkreise der Irish Seamens Relatives
Association. Die Vereinigung arbeitet die Geschichte von irischen Seeleuten im
Zweiten Weltkrieg auf. Ihr Vorsitzender Peter Mulvany war es, der Callan vor
fünf Jahren dazu brachte, sein Schweigen zu brechen. Mulvany begleitete ihn auch
gestern. Callan ist heute einer von drei noch lebenden ehemaligen irischen
Häftlingen. Als erster Ire wurde er 2003 als ehemaliger NS-Zwangsarbeiter
anerkannt und von der deutschen Regierung mit 7700 Euro entschädigt.